Anstieg von Krebserkrankungen

Der Anstieg von Krebserkrankungen zeigte den Handlungsbedarf

Waren in den 10 Jahren vor Tschernobyl in Belarus bei Kindern nur insgesamt 7 Fälle von Schilddrüsenkrebs zu verzeich¬nen, so sind von 1986 bis Ende 2004 ca. 1300 Kinder und Jugendliche daran erkrankt. Insgesamt stieg beim Schilddrüsenkrebs die Zahl der Neuerkrankungen von pro Jahr von 123 Fälle/Jahr (1975-1984) auf über 1000 Fälle/Jahr (2002 2004). Mehr als die Hälfte davon betreffen den Oblast Gomel (Verwaltungsgebiet, größer als Baden-Württemberg).

Die Möglichkeiten einer qualifizierten Früherkennung und Diagnostik für Tumoren und für allgemeine Erkrankungen wurden dank der humanitären Hilfe aus dem Westen erheblich verbessert. Die Versorgung der Fachkliniken mit westlichen Therapiemitteln ist nach wie vor unentbehrlich. Große Gebiete sind weiterhin unbewohnbar. In den angrenzenden Regionen mit erhöhtem Strahlenpegel hält die soziale Problematik an. Wegfall der Arbeitsplätze in der Land- und Forstwirtschaft, Kosten der Energieversorgung, Beschaffung sauberer Lebensmittel usw.. Viele Menschen sind ratlos. Gesundheitlich sind von den Folgen am stärksten die Menschen betroffen, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls in Tschernobyl am 26. April 1986 Kinder waren.

 

Das Schilddrüsenzentrum Gomel
warten auf die Untersuchung
Botschafter Dr. Hecker mit Chefärztin M. Tulupowa
Der Anbau mit 10 neuen Arztzimmern

Das Schilddrüsenzentrum in Gomel

Unter den medizinischen Hilfsprojekten des Otto Hug Strahleninstituts-MHM ist ein besonders wichtiges Projekt das Schilddrüsenzen¬trum in Gomel, der Hauptstadt des am stärksten betroffenen Gebietes in Belarus. Nach einjähriger Planungs- und Aufbauphase konnten in der dort neu eingerichteten medizinischen Einheit im März 1993 die ersten Patienten die notwendige Behandlung erhalten.

Aufgabe dieses Zentrums ist die Diagnose und Therapie von Funktionsstörungen der Schilddrüse und die Früherkennung von Schilddrüsenkrebs. Heute muss die Aufmerksamkeit bei den jungen Erwachsenen liegen, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls im April 1986 Kinder, Jugendliche oder deren Mütter gerade schwanger waren.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die normale Körperentwicklung und das ordnungsgemäße Funktionieren vieler Organe von der normgerechten Funktion (Hormonproduktion) der Schilddrüse abhängig. Im Schilddrüsenhormon ist das Element Jod enthalten. Das mit der Nahrung und Atmung in den Körper gelangte Jod wird von der Schilddrüse aus dem Blut aufgenommen und gespeichert. Durch den Reaktorunfall in Tschernobyl wurde sehr viel radioaktives Jod in die Umwelt freigesetzt und von den Menschen, besonders in den hoch belasteten Gebieten um Tschernobyl, unweigerlich aufgenommen. Weil das im Körper vorhandene (in diesem Fall das radioaktive) Jod in der Schilddrüse konzentriert wurde, konzentrierte sich die durch Jod bedingte Strahlenbelastung auf dieses kleine, aber so wichtige Organ.

Dazu kommt noch, dass das Schilddrüsengewebe beson¬ders strahlen¬mpfindlich ist. Die Folgen der Strahlenschädigung der Schilddrüse reichen von den Erkrankungen durch Schilddrüsenhormonmangel, knotigen Wucherungen, schweren chronischen Entzündungen bis hin zum Schilddrüsenkrebs. Die Behandlungsmöglichkeiten für Schilddrüsenerkrankungen sind heute gut, auch bei Schilddrüsenkrebs die frühzeitige Erkennung vorausgesetzt. Das Schilddrüsenzentrum ist in der Endokrinologischen Poliklinik des Gebietes Gomel in Gomel eingerichtet. Ärzte aus dieser Poliklinik haben bereits an führenden Instituten in Deutschland eine Spezialausbildung der Diagnostik und internistischen Therapie von Schilddrüsenerkrankungen in allen notwendigen Teilaspekten (Sonographie, Hormonanalyse, Medikation, Dokumentation usw.) erhalten. Die Zahl der Patienten, die sich dort Heilung erhoffen, wächst ständig. Bis November 2014 konnten über 200.000 Patienten medizinisch betreut werden. Dabei wurden über 500.000 Laboranalysen von Schilddrüsenwerten durchgeführt.

Die Patienten mit Schilddrüsenkrebs werden im Klinisch-Onkologischen Dispensär in Gomel oder in anderen Gebietsfachkliniken operiert, die Nachsorge erfolgt hauptsächlich am Schilddrüsenzentrum in Gomel, ebenso wie die Behandlung anderen Erkrankungen der Schilddrüse. Die histologische Untersuchung der durch Operation entfernten Krebsgeschwülste zeigte bisher immer wieder, dass insbesondere bei jungen Patienten gehäuft gleichzeitig auch Autoimmun-Thyreoiditis vorlag und diese Erkrankungsform die Krebsentstehung offensichtlich begünstigt. Diese Befunde sind ein Beweis dafür, wie wichtig und erfolgreich es ist, die junge Bevölkerung der belasteten Regionen systematisch und regelmäßig zu untersuchen. 

 

Dignostik und Therapie

die Registratur
das Hormonlabor
die Hormonkontrolle
Schilddrüsenuntersuchung
Ultraschalluntersuchung
ein Knoten in der Schilddrüse wird punktiert

Oblast Gomel

Jährlichen Neuerkrankungen verschiedener Krebserkrankungen pro 100.000 Einwohner.

Auch heute, 30 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl, sind Krebserkrankungen allgegenwärtig. Der Anstieg von Schilddrüsenkrebs und Brustkrebs ist signifikant, aber auch andere Krebserkrankungen nehmen zu.